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Warum Softwareprojekte aus dem Ruder laufen

Scope Creep entsteht selten durch Unvernunft. Drei von vier Ursachen sind Erkenntnisgewinn, kein Fehlverhalten. Vier Muster aus echten Projekten und was dagegen hilft.

Marten Prieß

Marten Prieß

2 Min. Lesezeit
Astronaut arbeitet weiter, während sich Kisten und Dokumente um ihn stapeln

Niemand startet ein Softwareprojekt mit dem Vorsatz, den Umfang später auszuweiten. Es passiert trotzdem, in fast jedem Vorhaben.

“Scope Creep” klingt nach einem Disziplinproblem: Der Kunde will immer mehr, der Dienstleister sagt nicht Nein. In unseren Projekten war es das selten. Meistens blieben am Anfang Dinge unklar, die zu diesem Zeitpunkt schlicht niemand klären konnte. Erst während der Umsetzung wird sichtbar, was das eigentliche Vorhaben war. Dann steht es plötzlich als Mehraufwand im Raum, obwohl es die ganze Zeit dazugehörte.

Vier Muster tauchen dabei immer wieder auf.

Die vier Muster

Muster 1

Der unsichtbare Sonderfall

Beschrieben wird der Prozess, wie er gedacht ist. Die siebzehn Ausnahmen, die eine Kollegin seit Jahren von Hand abfängt, tauchen erst auf, wenn die Software sie nicht abbilden kann. Sie standen in keiner Anforderungsliste, weil sie für alle Beteiligten längst normal waren.

Muster 2

Die späte Fachabteilung

Spezifiziert wird mit der Leitung, benutzt wird von der Fachabteilung. Sitzt die zum ersten Mal beim Abnahmetermin im Raum, kommen die Einwände zum teuersten Zeitpunkt.

Muster 3

Die Altdaten

Der zuverlässigste Kostentreiber überhaupt. Bestandsdaten sind nie so sauber wie angenommen: Dubletten, Felder mit doppelter Bedeutung, eine Spalte, in der seit 2014 zwei verschiedene Dinge stehen. Auffallen tut das bei der Migration, nicht bei der Schätzung.

Muster 4

Der Appetit beim Essen

Sobald etwas Funktionierendes da ist, entstehen neue Ideen. Oft gute. Zum Problem werden sie erst, wenn es kein Verfahren gibt, sie zu entscheiden.

Drei dieser vier Muster sind Erkenntnisgewinn, kein Fehlverhalten. Wer sie als Disziplinproblem behandelt, bekämpft das falsche Problem. Schlimmer noch: Es entsteht ein Klima, in dem Leute Bedenken lieber für sich behalten, weil jeder Einwand als Sonderwunsch gilt.

Kosten einer Klärung je nach ProjektphaseFünf Balken, die zeigen, was dieselbe offene Frage in verschiedenen Phasen kostet: in der Discovery ein Gespräch, im Konzept eine Modellanpassung, in der Umsetzung Änderungen an Code und Tests, bei der Abnahme ein Umbau unter Termindruck und nach dem Go-live eine Migration im laufenden Betrieb. Der Aufwand wächst dabei nicht gleichmäßig, sondern sprunghaft.Discoveryein GesprächKonzeptein Modell anpassen10×UmsetzungCode und Tests ändern30×AbnahmeUmbau unter Termindruck100×Nach Go-liveMigration im BetriebHier ist Klärung noch billig -und fühlt sich trotzdem wie Verzögerung an.
Relative Größenordnungen aus Projekterfahrung, keine gemessenen Werte. Entscheidend ist nicht der genaue Faktor, sondern dass die Kurve nicht gleichmäßig steigt.

Warum der Festpreis das Problem nicht löst

Die naheliegende Reaktion: das Risiko vertraglich abgeben. Festpreis, klarer Leistungsumfang, alles Weitere kostet extra. Das funktioniert auch. Nur anders, als die meisten erwarten.

Erwartung

Der Festpreis begrenzt das Risiko

Der Dienstleister trägt die Unsicherheit, der Kunde hat Planungssicherheit. Was mehr wird, wird nachbeauftragt.

Realität

Der Festpreis verlagert es

Unsicherheit wird eingepreist. Ihr zahlt den Risikoaufschlag auch dann, wenn das Risiko nie eintritt. Und bei jeder Unklarheit steht im Raum, ob sie im Umfang enthalten war. Diese Diskussion kostet Vertrauen, genau in dem Moment, in dem beide Seiten es brauchen.

Ein Festpreis ist ein gutes Werkzeug, wenn das Vorhaben klar umrissen ist. Gegen Unklarheit hilft er nicht, weil er beide Seiten zwingt, so zu tun, als wäre alles bekannt.

Die ehrlichere Reihenfolge: erst klären, dann festpreisen.

Was tatsächlich hilft

Den Prozess aufnehmen, nicht die Wunschliste

Schaut zu, wie heute gearbeitet wird, statt zu fragen, was die Software können soll. Die Sonderfälle stehen in keiner Anforderungsliste. Sie zeigen sich, wenn jemand seinen Ablauf vorführt und dabei dreimal sagt: “und hier machen wir das immer noch von Hand”.

Früh in die echten Daten schauen

Ein Blick in die echten Werte, nicht ins Schema. Zwei Stunden hier ersparen regelmäßig zwei Wochen später. Der billigste Erkenntnisgewinn im ganzen Projekt.

Die Fachanwender von Anfang an dabei

Bei der Plattform für Statista war das der Hebel: Die Redaktion saß ab dem ersten Workshop mit am Tisch. Ein über Jahre gewachsenes Kernsystem ließ sich ablösen, ohne dass die Fachabteilung ihren Alltag verlor.

Ein Verfahren für neue Ideen

Gute Ideen während des Projekts sind ein Qualitätssignal. Sie brauchen einen Ort: eine Liste, die regelmäßig durchgegangen wird, mit einer Entscheidung am Ende. Jetzt, später oder gar nicht. Was entschieden ist, verschwindet aus den Statusrunden.

Der pragmatische Zuschnitt

Bewährt hat sich ein zweistufiges Vorgehen: ein kleiner, klar begrenzter Klärungsschritt vor der Umsetzung. Prozess aufnehmen, Daten sichten, Schnitt festlegen, Aufwand schätzen. Danach steht eine Grundlage, die trägt, und bei Bedarf ein Festpreis, der auf Fakten beruht statt auf Annahmen.

Manchmal kommt dabei heraus, dass das große Projekt gar nicht nötig ist. Wir hatten mehrere Fälle, in denen ein Bruchteil des ursprünglich Angedachten den eigentlichen Schmerz gelöst hat. Für genau diesen Schritt gibt es bei uns den Discovery-Workshop.

Wie wir Projekte insgesamt zuschneiden, steht auf der Seite zur Arbeitsweise. Wenn der Auslöser ein System ist, das nicht mehr mitwächst, passt eher der Artikel über die Grenzen der Branchensoftware.

Ein gesundes Projekt tut früh weh

Gegen Scope Creep helfen strengere Verträge wenig. Was hilft, ist Unsicherheit früh und billig aufzulösen statt spät und teuer.

Ein Projekt, in dem nach drei Wochen unangenehme Wahrheiten auf dem Tisch liegen, läuft gut. Eines, in dem alles glatt geht, bis es das plötzlich nicht mehr tut, ist meistens eines, in dem noch niemand nachgesehen hat.

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