Ein Übergabegespräch, zweite Runde. Der Interessent hat die Jahresabschlüsse gelesen und stellt die Frage, die in jedem dieser Gespräche kommt: “Was verdienen Sie an einem einzelnen Betreuungsvertrag?” Der Inhaber weiß es. Ungefähr. Er weiß, welche Kunden angenehm sind und welche jedes Jahr um den Preis feilschen, welcher Berater zu viel Zeit in welchem Objekt lässt und dass der große Logistikkunde eigentlich zu billig ist. Nur steht davon nichts in den Unterlagen.
“Kommt darauf an”, sagt er. Das ist ehrlich. Und es kostet Geld, weil der Käufer ab diesem Moment nicht mehr den Betrieb bewertet, sondern sein eigenes Risiko.
Dieser Beitrag geht der Frage nach, was ein Betrieb wert ist, dessen Zahlen im Kopf des Inhabers liegen, und was sich ändert, wenn sie im System liegen. Mit Zahlen von KfW, DIHK, IfM Bonn und aus der Bewertungsforschung, nicht mit Bauchgefühl.
Der Markt hat sich gedreht
Wer heute verkaufen will, trifft auf mehr Verkäufer als Käufer. Das IfM Bonn rechnet für die Jahre 2026 bis 2030 mit rund 186.000 Unternehmen, die zur Übergabe anstehen. Gut 30 Prozent davon entfallen auf unternehmensbezogene Dienstleistungen, also auf Beratungen, Prüf- und Wartungsbetriebe. Gleichauf liegt das produzierende Gewerbe. Die IHKs haben laut DIHK-Report Unternehmensnachfolge 2025 im Jahr 2024 9.636 Alt-Inhaber beraten, so viele wie nie seit Beginn der Erhebung. Interesse an einer Übernahme äußerten 4.016 Personen. Der Report nennt die Lücke beim Namen: 5.620 Unternehmen, denen kein Kandidat gegenübersteht.
186.000
Unternehmen stehen 2026 bis 2030 zur Übergabe an. Gut 30 Prozent davon sind unternehmensbezogene Dienstleistungen.
IfM Bonn, Daten und Fakten Nr. 37, 2025
5.620
Betriebe in der IHK-Beratung 2024, denen kein potenzieller Nachfolger gegenübersteht. Seit 2019 hat sich diese Lücke fast verdoppelt.
DIHK-Report Unternehmensnachfolge 2025
57 %
der befragten Beteiligungsgesellschaften nennen unrealistische Preisvorstellungen der Verkäufer als Dealbreaker. Mit Abstand der häufigste Grund, aus dem ein Deal platzt.
Rödl & Partner, Private-Equity-Studie 2026
In einem Käufermarkt entscheidet der Käufer, was er glaubt. Und er glaubt, was er prüfen kann.
Woran der Preis scheitert
Woran es hakt, beschreibt der DIHK-Report aus Sicht der IHK-Berater: 38 Prozent der Alt-Inhaber sind schlecht vorbereitet, weil sie sich zu spät mit der Übergabe beschäftigen. Bei 36 Prozent gilt der geforderte Kaufpreis als zu hoch. Auf der Käuferseite fällt das Urteil noch deutlicher aus. In der Private-Equity-Studie von Rödl & Partner nennen 57 Prozent der Beteiligungsgesellschaften unrealistische Preisvorstellungen als häufigsten Grund, aus dem eine Übernahme platzt.
Beides sind Fremdurteile, und beim Preis lohnt der genauere Blick. Ein Preis wirkt überzogen, wenn nichts ihn stützt.
Wie die Forderungen tatsächlich aussehen, zeigt das Nachfolge-Monitoring der KfW vom Januar 2026. Im Durchschnitt streben Nachfolgeplaner im Mittelstand das 1,2-Fache ihres Jahresumsatzes als Kaufpreis an, der Median liegt bei 0,6. Die KfW liest das ausdrücklich als Indiz, dass die Mehrheit gerade keine überzogenen Preise ansetzt. Die Spreizung entsteht an der Spitze. Die durchschnittliche Kaufpreisvorstellung ist seit 2019 um 34 Prozent auf rund 499.000 Euro gestiegen.
Woher kommt so eine Vorstellung? Aus dem, was der Inhaber über seinen Betrieb weiß: die treuen Kunden, die volle Auftragslage, die Berater, die bleiben würden. Der Käufer kennt davon nichts. Er kennt drei Jahresabschlüsse, eine Kundenliste und eine Excel-Datei, die jemand für den Datenraum zusammengestellt hat.
Zwischen diesen beiden Bildern liegt der Abschlag.
Was der Käufer nicht prüfen kann, bezahlt er nicht
Die KfW benennt den Mechanismus nüchtern: Bei einer Übergabe an Außenstehende ist der Wissensvorsprung des Verkäufers größer, und Suche, Kaufpreisermittlung und Verhandlung kosten mehr Zeit. Konkret heißt das, der Verkäufer weiß, welcher Vertrag Geld bringt, und der Käufer muss es raten.
Wie teuer das Raten ist, hat die Bewertungsforschung mehrfach gemessen. Micah Officer hat 2007 im Journal of Financial Economics gezeigt, dass eigenständige Privatunternehmen im Schnitt 15 bis 30 Prozent unter den Multiples vergleichbarer börsennotierter Firmen verkauft werden. Sein Hauptgrund ist die fehlende Handelbarkeit, nicht die Datenlage. Aber die Datenlage kommt dazu: Hussaini, Nguyen, Rigoni und Perego zeigten 2025, dass Zielunternehmen mit schlechter lesbaren Geschäftsberichten niedrigere Gebote erhalten. Käufer und Markt diskontieren Intransparenz. Die Studie betrachtet börsennotierte Ziele, bei denen es immerhin geprüfte Berichte gibt. Bei einem Betrieb mit 40 Leuten, dessen Marge je Vertrag in niemandes Tabelle steht, ist die Lücke entsprechend größer.
Auf der Fremdkapitalseite gilt dasselbe Muster. Michael Minnis zeigte 2011 für private US-Firmen, dass geprüfte Zahlen zu messbar niedrigeren Fremdkapitalkosten führen und Banken ihnen mehr Gewicht geben. Wer belegen kann, bekommt bessere Konditionen. Wer erzählen muss, bezahlt den Unterschied.
Zahlen im Kopf
Der Käufer bewertet
sein Risiko
“Kommt darauf an” auf die Frage nach der Marge je Vertrag. Der Käufer nimmt den Jahresabschluss, zieht einen Sicherheitsabschlag ab und bietet auf das, was übrig bleibt. Jede Unklarheit landet im Abschlag, nie im Aufschlag.
Zahlen im System
Der Käufer bewertet
den Betrieb
Deckungsbeitrag je Vertrag, Auslastung je Team, Vertragswert im Folgejahr, Forderungslaufzeit: alles abrufbar, alles über drei Jahre. Der Käufer prüft, was er sieht, und bezahlt, was er geprüft hat.
Die vier Fragen, die ein Käufer einem Dienstleister stellt
Ein Betrieb mit Betreuungs-, Wartungs- oder Audit-Verträgen wird anders bewertet als ein Händler oder ein Produzent. Sein Wert steckt in wiederkehrenden Verträgen, in den Leuten, die sie erfüllen, und in der Frage, wie viel davon ohne den Inhaber weiterläuft. Jeder ernsthafte Käufer stellt deshalb dieselben vier Fragen. Wer sie aus dem System beantwortet, verhandelt. Wer sie aus dem Gedächtnis beantwortet, verteidigt sich.
01
Welche Verträge laufen im nächsten Jahr aus, und was ist das wert?
Bei Dauerverträgen ist der Vertragswert-Wegfall die wichtigste Zahl im Haus. Läuft ein Fünftel des Vertragswerts zum Jahresende aus, kauft der Interessent ein anderes Unternehmen als das, das er in der Bilanz sieht. Eine Kündigungsfrist, die nur im Vertrags-PDF steht, existiert für diese Frage nicht.
02
Was verdient ihr an jedem einzelnen Vertrag?
Die Marge des Betriebs steht im Abschluss. Die Marge je Vertrag steht nirgends, wenn Stunden, Fahrzeit und Zusatzleistungen nicht am Vertrag hängen. Genau dort liegt aber die Antwort auf die Frage, welche Kunden das Geschäft tragen und welche es subventionieren.
03
Wie viel davon hängt an euch persönlich?
Welche Kunden hat der Inhaber selbst betreut, welche Angebote nur er kalkuliert, welche fünf Kunden machen die Hälfte des Umsatzes? Ein Käufer will sehen, dass der Betrieb ohne seinen Gründer funktioniert. Das lässt sich behaupten oder zeigen: Auslastung je Berater, Umsatz je Kunde, Kalkulation nach hinterlegten Regeln statt nach Erfahrung.
04
Wann kommt das Geld?
Offene Forderungen, durchschnittliche Zahlungsdauer, Mahnstufen. Ein Betrieb mit 47 Tagen Forderungslaufzeit und einer mit 15 Tagen sind bei gleichem Umsatz zwei verschiedene Investitionen. Die Zahl kennt jede Buchhaltung. Ob sie jemand auf Knopfdruck zeigen kann, ist eine andere Frage.
Wie das aussieht, wenn die Zahlen im System liegen
Für FKC Consulting, eine Beratung für Arbeitsschutz, Datenschutz und Weiterbildung mit Dauerverträgen, haben wir die komplette Strecke von der Anfrage bis zur Rechnung gebaut. Der Teil, der für die vier Fragen zählt, ist das Cockpit der Geschäftsführung. Es zieht seine Zahlen aus den Verträgen, der Leistungserfassung und der Rechnungsstellung. Niemand stellt sie zusammen.
Drei Dinge daran sind für eine Übergabe entscheidend. Die Umsatzprognose entsteht aus den laufenden Angeboten, gewichtet nach Wahrscheinlichkeit, und liegt neben dem Vorjahr. Der Deckungsbeitrag steht am einzelnen Vertrag, weil die Kalkulation Stunden, Fahrzeit und Aufwand je Baustein kennt, wie im Beitrag zum Angebotsprozess beschrieben. Und der Vertragswert-Wegfall ins Folgejahr ist eine eigene Kachel: welche Verträge enden, welche wurden reduziert, was fehlt dann.
Das ist derselbe Umbau, den wir im Beitrag über den Monatsabschluss als Projekt beschrieben haben. Dort ging es um die Geschäftsführung, die ihre Zahlen für sich selbst braucht. Hier geht es um den Tag, an dem jemand anderes sie sehen will.
Der Nebeneffekt, der vor dem Verkauf kommt
Niemand baut sich ein Cockpit, um in acht Jahren besser zu verkaufen. Der Grund, es heute zu bauen, ist derselbe, aus dem der Käufer es später sehen will: Man führt anders, wenn man die Marge je Vertrag kennt. Der Kunde, der jedes Jahr um den Preis feilscht, bekommt eine Zahl neben dem Namen. Der Berater, der zu viel Zeit im Objekt lässt, fällt in der Auslastung auf, lange vor der Jahresrechnung.
Und die Bank sieht es auch. Wer einen Kredit für den nächsten Standort oder für die Übernahme eines Wettbewerbers braucht, führt dasselbe Gespräch wie mit einem Käufer, nur früher. Minnis’ Befund weist in dieselbe Richtung, auch wenn er geprüfte Abschlüsse untersucht hat und nicht selbst geführte Kennzahlen: Belegte Zahlen senken den Preis des Geldes.
Ein ehrlicher Einwand
Zahlen machen keinen schwachen Betrieb wertvoll. Das IfM rechnet 4.000 Übergaben weniger als zuvor, weil sich bei einigen Betrieben die Ertragslage so verschlechtert hat, dass sich eine Übernahme nicht mehr lohnt. Betroffen sind vor allem unternehmensbezogene Dienstleister unter 500.000 Euro Jahresumsatz, also die kleineren Betriebe aus genau dieser Zielgruppe. Ein Cockpit macht das sichtbar, es ändert es nicht.
Und wer in sechs Monaten den Vertrag unterschreiben will, für den ist ein Software-Projekt das falsche Werkzeug. Er braucht einen Berater, einen Datenraum und Geduld.
Wie viel Vorlauf der Umbau braucht, hängt aber weniger am Kalender als an den Altdaten. Bei FKC lagen im abgelösten System nur die letzten drei Jahre; zusammengeführt wurden am Ende über zwanzig Jahre Projekt- und Rechnungshistorie aus den Bestandsstrukturen daneben. Wo die Altsysteme ihre Daten hergeben, entsteht die Historie mit der Migration, nicht erst im Betrieb. Wo sie es nicht tun, fängt die Zeitreihe am Tag der Umstellung an, und dann zählt jedes Jahr Vorlauf.
Der DIHK-Report beschreibt, was stattdessen oft passiert: Alt-Inhaber fahren in Erwartung der Übergabe Investitionen herunter und überlassen Digitalisierung und Erneuerung dem Nachfolger. Die Attraktivität des Betriebs leidet, die Aufgabe für den Nachfolger wächst. Das ist die Reihenfolge, die den Preis drückt. Wer die Zahlen ins System holt, bevor er ans Verkaufen denkt, dreht sie um.
Quellen
KfW Research, Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025
, Fokus Volkswirtschaft Nr. 526, Januar 2026. Angestrebter Kaufpreis im Durchschnitt beim 1,2-Fachen des Jahresumsatzes, Median 0,6. Die KfW wertet das als Indiz gegen systematisch überzogene Preisvorstellungen.
DIHK-Report Unternehmensnachfolge 2025
. 9.636 beratene Alt-Inhaber 2024 gegenüber 4.016 Interessenten, also 5.620 Betriebe ohne Gegenüber. 36 Prozent fordern nach Einschätzung der IHKs einen überhöhten Kaufpreis.
IfM Bonn, Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2026 bis 2030
, Daten und Fakten Nr. 37, November 2025. 186.000 Übergaben zwischen 2026 und 2030, davon gut 30 Prozent unternehmensbezogene Dienstleistungen und ebenso viele im produzierenden Gewerbe.
Rödl & Partner, Private-Equity-Studie 2026
. Umfrage unter in Deutschland aktiven Private-Equity-Häusern, 15. Ausgabe. 57 Prozent nennen unrealistische Preisvorstellungen der Verkäufer als Dealbreaker, mit Abstand der häufigste Grund.
Officer, The price of corporate liquidity
, Journal of Financial Economics 83, 2007. Abschläge von 15 bis 30 Prozent für eigenständige Privatunternehmen gegenüber vergleichbaren börsennotierten Zielen.
Hussaini, Nguyen, Rigoni, Perego, The value of information risk: is there an acquisition discount for less readable financial disclosures?
, Applied Economics 57(31), 2025 (online 2024). Weniger lesbare Berichte führen zu niedrigeren Geboten, bei branchenfremden Käufern stärker. Untersucht sind börsennotierte Ziele.
Minnis, The Value of Financial Statement Verification in Debt Financing
, Journal of Accounting Research 49, 2011. Geprüfte Zahlen senken die Fremdkapitalkosten privater Unternehmen.



